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LOTTEgoesLIQUID (Deutsch)

Nau Ivanow, Barcelona

September 2010

LOTTEgoesLIQUID
Szenische Installation nach Zygmunt Baumans “Liquid Life”

Konzept: Eleonora Herder
Regie: Eleonora Herder, Falk Rößler, Arne Köhler
Texte: Lucia Carballal
Dauer: 1:20 h

Lotte ist nur eine von vielen, die zwischen halbgaren Zusagen und ständigen Chancen irgendwo ihr Glück vermutet. Sie kommt zurück zu einer verflossenen Liebe. Gern würde sie dazu gehören, aber vor allem möchte sie unabhängig bleiben. Und damit ist sie nicht allein. Sie landet in einem Haus voller Leute, für die der einst erstrebenswerte Dreiklang aus Arbeit, Haus und Familie nicht mehr das Ziel aller Anstrengungen sein kann. Stattdessen wabern sie durch ihre offenen Leben, in denen ständig alles passieren könnte, doch letztlich kaum etwas langfristig Wirksames geschieht.

Alles kann zur konkreten Möglichkeit werden, zur Gelegenheit, mit einem Griff doch noch das große Los zu ziehen. Darum gibt es keinen Grund mehr, eine Option von vornherein auszuschließen. Selbstbilder, Menschen, Lebensentwürfe – sie gelten so lang, bis sie ausgedient haben und abgelöst werden müssen. Denn reizvollere Alternativen gibt es scheinbar viele…

Der Mensch in der postmodernen, globalisierten Gesellschaft lebt in Fragmenten, Abbrüchen und Neuanfängen. Er muss danach streben, sich möglichst flexibel zu halten und jede Art von Festlegung so gut es geht zu vermeiden.

So beschreibt der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman das gegenwärtige Dasein in der westlich geprägten Welt. Zeitgenössisches Leben ist „flüssiges Leben“ („liquid life“), in dem sich vormals feste Strukturen zunehmend auflösen und stabile Bindungen generell zum Problem werden, weil sie Möglichkeiten einschränken könnten. Es geht darum, sich offen zu halten für Besseres.

Die szenische Installation LOTTEgoesLIQUID macht es sich zur Aufgabe, Baumans Befund über das Leben in der globalisierten Postmoderne sowohl inhaltlich als auch formal in einer Theaterarbeit aufzugreifen.

Ein „liquid life” zu leben, bedeutet in erster Linie, dass alles schneller, kürzer und gleichzeitiger von statten geht, als es vergangene Generationen gewohnt waren. Das „liquid life” ist ein Leben der kurzen Aufmerksamkeitsspannen, in dem das einzelne Erlebnis an Bedeutung verliert, weil es ständig in einem Meer aus anderen Ereignissen unterzugehen droht. Es gilt, mit einzelnen Lebensphasen möglichst schnell abzuschließen und ungestört weitergehen zu können – auch wenn das nicht immer gelingt…

In LOTTEgoesLIQUID werden die Zuschauer vor eine Situation gestellt, in der sich auch die sieben Charaktere des Stückes befinden: Sie müssen sich ununterbrochen entscheiden, ob sie gehen oder bleiben wollen und wie lange sie jemandem ihre Aufmerksamkeit schenken. Die freundliche Portionierung des Geschehens in einzelne Häppchen, die man nacheinander vor sich auf einer Bühne ausgebreitet bekommt, bleibt aus. Stattdessen ist man immer mit einem Zuviel konfrontiert: zu viel Handlung, zu viel Aktion, zu viele Möglichkeiten. Vor den Augen des Publikums entwickeln sich sieben verschiedene Leben gleichzeitig.

Die Zuschauer bewegen sich um eine Insel aus miteinander verbundenen Einzelräumen herum. Doch von keinem Punkt aus kann man alles verfolgen. Man wird sich weiter bewegen müssen, um herauszufinden, was am anderen Ende des Bühnenraumes geschieht. Und will man einer Figur über längere Zeit folgen, so muss man sich mit ihr gemeinsam auf den Weg machen. Währenddessen passiert anderswo anderes, sodass man zwangsläufig immer etwas verpasst… Die einzelnen Szenen und Handlungsstränge verlaufen alle parallel und sind ineinander verwoben. Das „liquid life“ setzt niemals aus. Immer gilt es, auf der Hut zu sein. Pausen sind verschenkte Zeit.

Doch die Vielzahl von Fragmenten fügt sich bei LOTTEgoesLIQUID zu einem großen Ganzen zusammen. Alle Elemente, die hier aufeinander treffen, vereinigen sich letztendlich zu einer theatralen Symphonie. Vielleicht wird es auf diese Weise möglich, den Puls, die Brüche und die Zwänge des gegenwärtigen Lebens in der westlichen Welt erlebbar zu machen. Ob diese Musik des „liquid life“ nur im Theater oder auch außerhalb davon existiert, das bliebe herauszufinden.

Konzept & Regie:
Eleonora Herder
Falk Rößler
Arne Köhler

Texte: 
Lucía Carballal

Bühnenbild: 
NAEVI

Sounddesign:
Arne Köhler
Falk Rößler

Schauspieler:
Laura López (Lotte)
Lluna Pindado (Inge)
Anahí Setton (Josefine)
Albert Alemany (Paul)
Ramon Rojas (Gitarrist)
Joan Casas Rius (Berndt)
Arne Köhler (Dickes Kind)

Video-Trailer zu “LOTTEgoesLIQUID”

Video-Ausschnitte aus „LOTTEgoesLIQUID“

Kapitalismus-Monolog der Figur Berndt in „LOTTEgoesLIQUID“:

The Guitarist (LOTTEgoesLIQUID-theme) by Lotte’s Music
Dieses Musikstück ist eine Komposition, die während der Arbeit an „LOTTEgoesLIQUID” entstanden ist. Darin wurde das musikalische Leitmotiv der Figur des Gitarristen sowie des ganzen Stückes ausgearbeitet.
Die Melodie taucht an verschiedenen Stellen der szenischen Installation immer wieder auf – teilweise live mit der E-Gitarre gespielt, teilweise durch eine Audio-Kassette, die sich einige Figuren in „LOTTEgoesLIQUID“ anhören.


Paul by Lotte’s Music
Diesen Song singt Lotte in einer sparsameren Akustik-Gitarren-Version an einer Stelle im Stück. Sie ruft bei einer Radiosendung an und versucht, mit diesem Lied ihren Ex-Freund Paul wiederzugewinnen.

„Ein szenisches Erlebnis und ein theatrales Abenteuer. Denn LOTTEgoesLIQUID ist von Anfang an kein konventionelles Theaterstück. Der Zuschauer wird eingeladen, einen Raum mit einem äußerst charakteristischen Bühnenkonstrukt zu betreten. Eine Reihe von fragilen Räumen konfrontiert uns unmittelbar mit der Aktualität des Lebens dieser angekratzten Menschen, die uns das Stück vorführt.”

Jorge Pisa Sánchez (www.indienauta.com)

„Alle sind irgendwie Outsider. Einige sagen es nur, andere zeigen es oder zeigen es nicht aus falscher Bescheidenheit. Einige wollen nicht länger nur einen einzigen Menschen lieben müssen, andere suchen genau diese ewige Liebe, die man heutzutage nicht mehr erträgt, weil selbst der, der danach sucht, nicht mehr wirklich daran glaubt. Und mittendrin das Ticktack einer Uhr, die einen permanent daran erinnert, dass die Zeit läuft, dass man alt wird, dass man sich vielleicht reproduzieren muss um zu SEIN.”

Una destada (Blog: “Aquesta nit improvisem”)G