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Off_line: Wird unsere Zukunft solidarisch sein?

Wird unsere Zukunft solidarisch sein?

Die Pandemie hat die gesellschaftliche Spaltung weiter vertieft. Wie können wir eine solidarische Zukunft gestalten, in der niemand mehr in prekären Verhältnissen leben muss? Gemeinsam mit der Dramaturgin und Künstlerin Eleonora Herder und der Co-Moderatorin dieser Folge, Maria Sitte, sprechen wir über ihr Label »andpartnersincrime«, die Rolle des Theaters in der Öffentlichkeit, Interventionen in den verwalteten Stadtraum sowie neue Formen der widerständigen Zusammenarbeit. Wie können wir unser gesellschaftliches Zusammenleben anders verhandeln? Wie lassen sich Lücken in unseren sozialen Netzen durch Fürsorge und Solidarität schließen? Und wie agiert die Kunst in diesem Feld, wenn sie nicht zur Sozialarbeit werden will, sondern sich ein widerständiges Potential erhält? Und was hat das alles mit Kochen und leckerem Essen zu tun? Eleonora Herder studierte Theaterregie in Barcelona und Krakau und absolvierte ihr Masterstudium am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sie agiert unter dem Label »andpartnersincrime«. Dieses gehört zu den 6 Gründungsinitiativen der ada_kantine, einer solidarischen Kantine in der ehemaligen Akademie der Arbeit. Maria Sitte ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HfG Offenbach und Teil des kuratorischen Teams der Ausstellung »Aus heutiger Sicht«. Moderation: Felix Kosok

André Eiermann: Illusion, zwischen (/) durch Täuschung. Aspekte des Scheins in Erfahrungsräumen des zeitgenössischen Theaters

In: Jörn Schafaff/Benjamin Wihstutz (Hg.), Sowohl als auch dazwischen: Erfahrungsräume der Kunst, München: Wilhelm Fink 2015 

Ästhetische Erfahrungsräume sind als Zwischenräume zu begreifen, die sowohl Aspekte des realen als auch des gedachten Raums aufweisen. Die Entgrenzung der Künste hat im 20. Jahrhundert dazu geführt, dass oftmals unterschiedliche Raumkonzepte

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KÜNSTLERISCHE FORSCHUNG

KÜNSTLERISCHE FORSCHUNG

Eleonora Herder

Eine Suche nach anderen Realitäten und neuen Menschen.
In: Künstlerisches Forschen

Frankfurt in Takt.
Magazin der Hochschule für darstellende Künste.
2015/ 2

WO STEHST DU?

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WO STEHST DU?

Studio Naxos, Implantieren Festival, Frankfurt

2015/ 2016

“Flanieren ist ein im Modus der Zerstreutheit physisch praktiziertes Lesen, Erinnern. Unterm Schlendern wird der harte Asphalt der Stadt doppelbödig und hallt wider.”

Walter Benjamin

Das Buch „Wo stehst du?“ ist ein Stadt- und Architekturführer. Es führt Dich zu wichtigen Denkmälern der Frankfurter Wohnungsgeschichte, zu utopischen und dystopischen Szenarien, Orten des Widerstands und Brutstätten von Träumen.

Gleichzeitig funktioniert das Buch wie eine Schnittstelle zwischen verschiedenen Medien und Realitäten: in Verbindung mit einer App können mittels des Buches auch Videos und Interviewfragmente auf dem Handy abgespielt werden. So wird das Buch zu einem sehr langen Spaziergang durch verschiedene Zeiten, zu einer Übungsanleitung im Flanieren.

Dieses Buch ist eine Performance. Es ist nicht käuflich erwerblich.

Stadtführer haben das Potential die Stadt, welche sie verhandeln zu verändern und somit sind sie das wohl performativste Buchformat, das es gibt.

Ich bin in Barcelona, einer sehr touristischen Stadt, aufgewachsen. In meiner Nachbarschaft ließ sich ein immer gleich ablaufender Prozess beobachten. Eine Bar oder ein Restaurant wurde in den Lonely Planet aufgenommen und spätestens vier Monate später war dieser Ort nicht mehr das was er früher mal war. Er war tot, hatte sich voll und ganz in den Dienst der Konsumentenansprüche der Touristen gestellt. Die Menschen, denen dieser Ort eigentlich mal gehörte hat, waren verschwunden.

Dadurch ergab sich folgender Gedanke: was passiert, wenn wir dieses performative Potential nutzen? Wenn wir, anstatt Städte zu Konsumorten werden zu lassen, den Stadtführer einsetzen, um Utopien wieder aufleben zu lassen?

Ein Stadtführer kann ja ganz konkret Menschen zu Handlung und Aktionen auffordern. Indem er den Leser zum Beispiel dazu auffordert in dieser Bar „unbedingt den Café con leche mit Blaubeerstreuseln drauf“ zu bestellen. Was aber würde passieren, wenn wir die Leser*innen dazu auffordern Wege zu gehen, die sonst nicht gegangen werden?

In einem solchen Denken würde der Leser nicht zum Touristen, sondern zu einem Aktivisten, der eine andere Stadt entstehen lässt.

Wo stehst du gerade? In einer Buchhandlung? In einem Theater? Einem Geschäft? Schau dich mal um… was siehst du? Wände, die dich beschützen. Türen, die sich abschließen lassen. Fenster, durch welche du nach draußen blicken kannst und durch das Glas geschützt an der Welt teilhaben kannst.

Was ist das „ein Haus“? Und was ist ein Zu-hause? Und was ist eine Stadt? Kann eine Stadt als eine Ansammlung von temporären und festen Zuhausen gesehen werden? Können wir von Stadt als Wohnung sprechen?
Und was bedeutet es, wenn im Grundgesetz unter Artikel 13 steht, die Wohnung sei “unverletzlich”? Und was bedeutet es, wenn knapp darunter, im Artikel 14 “Eigentum verpflichtet” steht. Zu was?

Dieses Buch ist eine Hommage an die Stadt Frankfurt, eine Stadt, für die es ca. 2 Jahre braucht, um sie zu lieben. Und es ist ein Appell an das Potential, das in dieser Stadt schlummert. Eine Stadt, die unter vielen anderen Dingen Anfang des letzten Jahrhunderts unseren Blick auf das Wohnen revolutioniert hat.

Dieses Buch ist ein Stadtführer. Es führt dich zu wichtigen Denkmälern der Frankfurter Wohnungsgeschichte, es leitet dich durch utopische und dystopische Szenarien und nicht zuletzt zu Orten des Widerstands und Brutstätten von Träumen.
Unterwegs wirst du auf Bewohner*innen treffen, die tagtäglich ein anderes Frankfurt performen.

Dieses Buch funktioniert wie ein sehr langer Spaziergang mit guten Gesprächspartner*innen und es ist eine Übungsanleitung im Flanieren. Für Walter Benjamin ist Flanieren “physisch praktiziertes Lesen, Erinnern. Unterm Schlendern wird der harte Asphalt der Stadt doppelbödig und hallt wider.” Und mit jedem Schritt, den du gehst, formulierst du neue Aussagen. Mit jedem Schritt zeichnest du neue Linien, zeichnest die Stadtkarte eines anderen Frankfurts.

Und schließlich wird der Raum in dem Maße wie er Handlung und Beobachtung von Subjekten durch andere Subjekte konfiguriert zur Bühne und du, liebe*r Leser*in, sobald du dort vorne durch die Tür gehst, wirst zum Schauspieler, zur Darstellerin der Geschichte dieser Stadt.

Nimm mich jetzt mit und geh mit mir zu der Tür, die auf die Straße führt. Gleich öffnet sich der Vorhang. Nach und nach betreten die Akteure die Bühne der Stadt.

Redaktion und Texte: Eleonora Herder
Layout und Grafikdesign: Anna Sukhova
Videodesign und Fotografie: Alla Poppersoni
Produktion und Interviews: Maria Isabel Hagen
Sounddesign: Jan Mech
Dramaturgie und Lektorat: Annegret Schlegel
Beratung und Recherche: Tim Schuster

So sieht das Buch aus:

Und so funktioniert es:

Instructions for use:

„Was bedeutet „Stadt für alle“? Darf man lange leer stehende Häuser, die der Stadt gehören, besetzen? Darf die Stadt sie polizeilich räumen lassen?“ 

(Janette Faure: „Frankfurter Stadtlabor unterwegs: Stadtführung mit Buch“, Bornheimer Wochenblatt, 24.08.2015)

„Schade, dass der Stadtführer auf dem linken Auge ziemlich blind ist. Insgesamt jedoch ist das spannende Experiment sehr gelungen. Das Buch ist gespickt mit klugen Zitaten von Alexander Kluge, Theodor Adorno und Roland Barthes. Der lesende Flaneur lernt seine Stadt tatsächlich mit anderen Augen und aus einem anderen Blickwinkel kennen.“ 

(Rainer Schulze: „Mit dem blauen Buch durch die Stadt“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2016)

„Für alle die Frankfurt einmal aus einer völlig neuen Perspektive betrachten wollen“

(„Performance im Bethmannpark“, Frankfurter Rundschau, 14.08.2016)

„Das Buch leitet den Lesenden auf geheimen Wegen durch die Stadt und leitet ihn zugleich an, ,im Sinne eines aktivistischen Tourismus´ selbst Schritt für Schritt ein anderes Frankfurt zu machen.“

(Esther Boldt: „Implantieren“, Journal Frankfurt Nr. 20/ 16)

Nach dem Ende der Versammlung – Das Buch

Das Buch zur Corona-Trilogie von andpartnersincrime

Im März 2020 brachen mit der Ausbreitung des Corona-Virus Grundlage und Gegenstand unserer künstlerischen Arbeit weg: Das Theater und die parlamentarische Politik. Zuerst wurden alle Theaterveranstaltungen abgesagt, dann wurde der Aufenthalt von Gruppen mit mehr als fünf Personen im öffentlichen Raum verboten. Die Gesellschaft wurde in sogenannte Kernfamilien aufgeteilt und die Menschen vergruben sich in digitale Höhlen, in welchen das Weltgeschehen lange Schatten an die Wände warf. 

Ende Mai – mitten in der gesellschaftlichen Schockstarre des Lockdowns – kaperten wir dann zusammen mit einigen Nachbar*innen die leerstehende ehemalige „Akademie der Arbeit“ in Frankfurt. Die vom Gewerkschaftsbund gegründete Institution, die hier seit den 1920-Jahren Arbeiter*innen Zugang zu politischer Bildung ermöglichte, besaß nicht nur eine professionell ausgestattete Großküche, sondern auch einen geräumigem Speisesaal und einen anliegenden Garten.

Mittlerweile haben sich über 100 Aktivist*innen dem Projekt angeschlossen und seitdem kochen wir drei Mal die Woche ein veganes Mittagsessen auf solidarischer Preisbasis und geben an manchen Tagen bis zu 150 Mahlzeiten an bedürftige Menschen und Nachbar*innen raus.

Der erste Lockdown hatte deutlich gemacht, wie wichtig die sorgetragenden Einrichtungen sind, aber auch wie schnell sie wegbrechen können und dass der Hashtag stayhome für viele nur nach einem schalen Witz klingt. Und nicht zuletzt hat uns die Pandemie schmerzhaft vor Augen geführt, wie vereinzelt wir alle leben. Wir wollten nach dieser Erfahrung nicht zurück in die sogenannte Normalität, die uns eh nie wirklich normal schien. Wir wollten aus der Krise lernen und eine neue Realität einstudieren. Und was wäre ein besserer Ort für ein solches Lernen als eine ehemalige Akademie? 

Also gründeten wir Ende August mit Hilfe des reload Stipendiums der Kulturstiftung des Bundes die „Akademie der Versammlung“. Wir luden Referent*innen ein, die ihre eigene Perspektive auf das Thema Versammlung, Wohnungsnot, Theater als aktivistische Praxis, kollektive Reproduktionsarbeit und Kantinen als Kunst mitbrachten. Gemeinsam mit unseren Gästen wurde zwei Tage lang gegessen, diskutiert, gekocht und geputzt.

Während wir unsere Kantine gründeten, passierte an einem anderen Punkt unserer Stadt etwas ähnlich Kurioses. Die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung verließ mit ihren 93 Parlamentariern den Plenarsaal des Rathauses und zog in die Kantine der Stadtwerke, wo sich die Sicherheitsabstände besser einhalten ließen. Ähnlich wie in der ada_kantine wurden die Diskussionen ab diesem Moment begleitet von dem Geruch von Eintopf und dem Klappern von Geschirr. 

Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Essen und politischer Versammlung begleitete von nun an unsere künstlerische Forschung. Im Fokus standen dabei drei Formen der Versammlung: Die Kantine (oder Küche), das Parlament und das Theater. Wir trafen uns mit Köch*innen, Jurist*innen, Theaterwissenschaftler*innen und Parlamentariern, befragten sie zu ihren Versammlungsformen und versuchten herauszufinden, inwiefern sie sich durch die Pandemie neu erfinden müssen. Einige ihrer Beiträge sind in dem vorliegenden Heft abgedruckt. 

Diese Publikation dokumentiert unsere Suche, die Fragen, die wir uns gestellt haben. Wie meistens in den Arbeiten von andpartnersincrime geben wir auch hier keine Antworten, sondern stellen Fragen, streuen den Zweifel und halten uns, im Sinne Donna Haraways an das was wir am Besten können: an die Unruhe.

Die Publikation steht hier zum kostenlosen Download bereit. Das Urheberrecht liegt ausschließlich bei andpartnersincrime.

Herausgeber: andpartnersincrime

Redaktion: Tim Schuster

Gestaltung: Anna Sukhova

Lektorat: Christopher Krause

Druck: buch one

Auflage: 100

Frankfurt am Main, 2020.

Das Buch kann bei uns bestellt werden. Wir berechnen eine Verwaltungspauschale von 5,00 Euro, sowie Versandkosten in Höhe von 2,50 Euro.

Schreib uns bei Interesse sehr gerne eine Mail mit deiner Bestellung an: info@andpartnersincrime.org