SITE OF FICTION
Eine Illusionsmaschinerie
Die Tür wird geöffnet und ich betrete den Raum. Es ist ein Zimmer,
ein kleines, einigermaßen unaufgeräumtes Zimmer mit einem ungemachten
Bett, einem sehr großen Spiegel an der Wand dahinter, einem Wandschrank
rechts daneben, einem Schreibtisch, Sideboard, Sessel – um nur die Dinge
zu nennen, die mir als erste ins Auge fallen, bevor ich bei der näheren
Untersuchung des Raums die zahlreichen Details entdecke, die sich dort
befinden: Ein angebissenes Honigbrot zum Beispiel, ein ausgedruckter
Text im Drucker auf dem Schreibtisch, Bücher im Sideboard, Bilder an der
Wand, merkwürdige Reagenzgläser im Wandschrank, Videokassetten und CDs
im Umfeld der entsprechenden Player und vieles mehr.
Natürlich weiß ich: Das ist eine Kulisse. Denn ich befinde mich im
Theater, im Frankfurter LAB, um genau zu sein. Und das vermeintliche
Zimmer ist eine Site of Fiction und eine „Illusionsmaschinerie
nach Motiven von E.T.A. Hoffmann“, wie mir der Titel der Performance
sagt, die ich hier besuche. Deshalb betrachte ich den Raum auch nicht
wirklich als unaufgeräumtes Zimmer, sondern als Inszenierung eines
solchen. Und entsprechend verhalte ich mich auch ganz anders, als ich
mich in einem fremden Zimmer verhalten würde. Auch gehe ich davon aus,
dass hier ganz andere Dinge geschehen können bzw. werden. Ich frage mich
z.B., ob vielleicht jemand unter der Bettdecke zum Vorschein kommen
wird, oder wie viele Eingriffe in das Arrangement meinerseits von der
Inszenierung kalkuliert sind bzw. von ihr ausgehalten werden können.
Eine Videokassette, die ich einlege, lässt sich jedenfalls nicht
abspielen. Und was das Ganze noch spezieller macht – bzw. theatraler –,
ist der große Spiegel, der nicht von ungefähr an jene Einwegspiegel in
Vernehmungsräumen erinnert, die man aus Fernsehkrimis kennt. Sprich:
Anders als in einem gewöhnlichen Zimmer fühle ich mich beobachtet und
vermute Zuschauer hinter dem Spiegel, Zuschauer allerdings, die ich
nicht – jedenfalls jetzt noch nicht – persönlich identifizieren kann.
Und die Tatsache, dass ich mich von anderen beobachtet fühle, führt
auch zu einer Selbstbeobachtung meiner Aktionen, in der mir diese auf
einmal wie gespielte Aktionen vorkommen. D.h. in gewisser Weise schaue
ich mir dabei zu, wie ich mich vor unbekannten Zuschauern als Rolle
spiele – was gleichzeitig die Frage aufwirft, ob ich dies nicht
vielleicht auch in einem gewöhnlichen Zimmer, vermeintlich unbeobachtet,
immer irgendwie tue. Mit Jacques Lacan könnte man hier von einer
Erfahrung jenes Blicks des ‚großen Anderen‘ sprechen, welcher uns im
‚Schauspiel der Welt‘ zu ‚angeschauten Wesen‘ macht. Und unter diesem
Blick spiele ich das Spiel nun mit – obwohl ich auch diverse Versuche
unternehme, es im wahrsten Sinne des Wortes zu durchschauen, indem ich
meine Hände abschattend an den Spiegel lege, um hindurchzusehen, oder
indem ich mich aus einem Fenster lehne, was mir tatsächlich den Blick
auf eine der Performerinnen ermöglicht, die gemeinsam mit den anderen
außerhalb der Zimmerkulisse das produziert, was mich innerhalb dieser
Kulisse erreicht.
Aber auch diese Aktionen bleiben in gewisser Weise Teil des Spiels,
und neben ihnen verhalte ich mich auch immer wieder so, wie Diderot es
sich gewünscht hätte, d.h. ich tue so, als ob hinter der ‚vierten Wand‘,
die sich im Einwegspiegel tatsächlich materialisiert, keine Zuschauer
zugegen wären (wobei ich mir zunächst – d.h. bevor ich die Performerin
im Außenraum sehe – im Unterschied zum Diderotschen Schauspieler ja auch
nicht wirklich sicher sein kann, ob sich hinter dieser ‚vierten Wand‘
tatsächlich Zuschauer befinden). So höre ich z.B. irgendwann den
piependen Anrufbeantworter ab, lese die Texte auf dem Schreibtisch – und
lasse mich schließlich in eine Chat-Konversation am Computer
verwickeln, die damit endet, dass ich gebeten werde, ein rotes Kleid aus
dem Schrank zu holen, dessen Rückwand dann unerwartet von einer
Performerin geöffnet wird, die mich einlädt, auf einer Zuschauertribüne
im dunklen Außenraum Platz zu nehmen, wo schon mehrere Personen sitzen,
die vermutlich vor mir in der Zimmerkulisse waren.
Von dort aus sehe ich nun das Ensemble der Performerinnen vor dem
Einwegspiegel agieren – und hinter diesem Einwegspiegel einen weiteren
Besucher, der die Zimmerkulisse betritt und dort beginnt, sich in der
Szenerie zu orientieren, ohne dass ich sagen könnte, ab welchem
Zeitpunkt sich dieser Besucher seinerseits beobachtet fühlt.
Text von Dr. André Eierman
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